Akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies, um ein besseres Erlebnis auf unserer Website zu gewährleisten?

Erfahren sie mehr
  • Aktualität

„Billige Lebensmittel können wir uns nicht leisten!“

Am 18. September war Agrarwissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperte Tobias Bandel vom Beratungsunternehmen Soil & More Gastredner bei Oikopolis am Dialog. Herr Bandel legte anhand praktischer Beispiele die wahren Kosten der Lebensmittelproduktion offen und zeigte, dass an einer Ökologisierung der Landwirtschaft kein Weg vorbeiführt.

Ist es nicht schön, dass unsere Lebensmittel so günstig sind? Dabei sind die wahren Kosten deutlich höher. Sie werden auf die Umwelt, andere Länder und kommende Generationen abgewälzt und machen sich in Form von Bodenschäden, Wasserverschmutzung oder Gesundheitsrisiken bemerkbar. 2011 berechnete der französische Staat im Rahmen einer landesweiten Studie, dass französische Verbraucher im Supermarkt für jeden ausgegebenen Euro einen zusätzlichen Euro an Steuern für die Aufbereitung des durch die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie verschmutzten Wassers zahlen müssen. Das Ergebnis deckt sich mit zahlreichen wissenschaftlichen Daten, u.a. denen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die die tatsächlichen Kosten unserer Lebensmittel auf ein Zwei- bis Dreifaches der aktuellen Preise beziffern.

20190919 Bandel4

In den 70er Jahren begannen Lebenszyklusanalysten vermehrt von externen Kosten zu sprechen. Mittlerweile ist True Cost Accounting längst ein gängiges Werkzeug zur Berechnung von Externalitäten geworden. In der Wirtschafts- und Finanzwelt beobachtet Tobias Bandel bereits seit einigen Jahren ein völlig neues Risikobewusstsein. Banken, Investoren, Unternehmensberater und Versicherer ziehen bei Kreditvergabe, Investitionsstrategien und Unternehmensbewertungen sogenannte Naturkapitalrisiken heran: Ermittelt wird z.B., wie sich Klimawandel, Extremwetterereignisse, Bodenschäden, Wasserknappheit oder Biodiversitätsverlust auf die Rohstoffversorgung eines Unternehmens auswirken – und zwar konkret in Euro, Dollar oder Yen. Unternehmen werden folglich zur Ökologisierung gezwungen, wenn sie ihre Kreditwürdigkeit nicht verlieren oder eine Versicherung abschließen möchten. Mittels einer speziellen Vollkostenrechnung, die in Teilen auf bewährten, bereits bestehenden Nachhaltigkeits- und Software-Tools baut, können Tobias Bandel und sein Team von Soil & More ermitteln, wie teuer ein Unternehmen sein „business-as-usual"-Szenario zu stehen kommt oder, positiv ausgedrückt, welchen betriebswirtschaftlichen Nutzen Präventivmaßnahmen haben. Diese haben sich erfahrungsgemäß noch immer als weitaus günstiger erwiesen als ein „Einfach-weiter-so“.

Ähnlich ist es auch in der Landwirtschaft. Je länger wir für die Ökologisierung der Landwirtschaft brauchen, desto höher werden die betriebswirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Reparaturkosten, erklärte Bandel. Dabei ist schon jetzt absehbar, dass wir uns billige Lebensmittel in Zukunft nicht mehr leisten können. Die von führenden Umweltforschern und Finanzinstituten prognostizierten Zahlen sprechen allesamt eine Sprache: Schon in 10 bis 15 Jahren werden viele Lebensmittel, insbesondere Fleisch, für viele Verbraucher unbezahlbar sein. Dies hängt damit zusammen, dass die Landwirtschaft schon heute in besonderem Maße den mit Klimawandel und industrieller Bewirtschaftung in Zusammenhang stehenden Risiken ausgesetzt ist. Rund ein Drittel der weltweiten Agrarfläche ist bereits stark degradiert, was ein Beweis dafür ist, dass die konventionelle Landwirtschaft in ihrer aktuellen Form nicht überlebensfähig ist. An einer Ökologisierung der Landwirtschaft, die statt Flächenausbeutung, Monokulturen und Chemiemitteleinsatz auf Gründüngung, Humusaufbau und weite Fruchtfolgen setzt, führt daher laut Tobias Bandel kein Weg vorbei. Dass die biologische Landwirtschaft ökonomische Risiken nachweislich senken und einen Netto-Nutzen für Umwelt und Gesellschaft generieren kann, zeigen erste Berechnungen, die Bandel anhand von Daten zweier luxemburgischer Bio-Bauern durchgeführt hat.

Was können wir tun?

… Diese Frage stellten sich die über 60 Zuhörenden während Bandels Vortrag. Unstrittig ist, dass die True-Cost-Methode eine unschlagbar akkurate und umfassende Grundlage für fundierte Entscheidungen ist – Verstehen und Handeln liegen oft aber weit auseinander. Ein beherztes Handeln ist auf vielen Ebenen gefragt. So kann z.B. der Gesetzgeber das Buchhaltungsrecht dahingehend ändern, dass etwa Investitionen in das Naturkapital in der Aktivseite der Bilanz aufgeführt werden können. Der Handel kann aktiv werden, indem er aus den naturkapitalbedingten Unternehmensrisiken eine Einkaufspolitik ableitet, die Vorlieferanten nicht im Preis drückt, sondern auf nachhaltige Geschäftsbeziehungen ausgerichtet ist. Den Verbrauchern muss bewusstgemacht werden, dass ein höherer Preis auf dem Kassenzettel ein Vielfaches an Folgekosten an anderer Stelle spart. Über einen bewussten Konsum und eine Minderung der Lebensmittelverschwendung können sie aktiv Einfluss auf ihre Lebensmittelausgaben nehmen.

Übrigens lässt sich der True-Cost-Ansatz beliebig um eine Vielzahl von Indikatoren erweitern. Es lohnt sich nicht nur ein Blick auf das Naturkapital und die damit verbundenen Risiken und Chancen. Auch das Human- und Sozialkapital haben einen entscheidenden ökonomischen Wert, der aus ethischen Gründen vielleicht nicht so nüchtern monetarisiert, jedoch ökonomisch allemal stärker berücksichtigt werden sollte. Dies aber soll ein Thema für einen zukünftigen Dialog im Hause OIKOPOLIS sein…

20190919 Bandel6